Rezension Thomas Schaarschmidt

Thomas Schaarschmidt: Rezension: Faludi, Christian (Hrsg.): Die „Juni-Aktion“ 1938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung. Frankfurt am Main 2013 , in: H-Soz-Kult, 11.07.2014

Der 75. Jahrestag der Reichspogromnacht bot 2013 Anlass, die Ereignisse vom November 1938 in den größeren Kontext des Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland und der NS-Judenpolitik einzuordnen. Interessanterweise widmeten sich gleich zwei Publikationen der „Juni-Aktion“ 1938. In der Broschüre „Ein Pogrom im Juni“ veröffentlichten Christoph Kreutzmüller, Hermann Simon und Elisabeth Weber unbekannte Fotos von mit antisemitischen Hetzparolen beschmierten jüdischen Geschäften.[1] Gleichzeitig erschien eine breit angelegte Quellendokumentation mit einer ausführlichen Einführung des Jenenser Historikers Christian Faludi. In einem undatierten Erinnerungsbericht aus der Wiener Library, den Faludi in seinem Band auszugsweise abdruckt, heißt es, das Schicksal der 2.000 im Juni 1938 festgenommenen Juden ließe sich nicht mit dem ihrer 30.000 Leidensgenossen vom November vergleichen, denn sie seien „ungleich furchtbarer behandelt worden“ und „der Prozentsatz der Toten“ sei „weit höher als im November“ gewesen. Dennoch überschattet – auch im Rückblick von 80 Jahren – der Novemberpogrom 1938 die vorangegangenen Ereignisse, da die reichsweiten Angriffe auf Geschäfte und die nachfolgenden Zwangsmaßnahmen jüdischem Leben in Deutschland endgültig die Existenzgrundlage entzogen.
Wie prekär die Situation der jüdischen Deutschen auch schon zuvor war, zeigen die antisemitischen Pogrome und Boykotte vom Frühsommer 1935 und 1938. In beiden Fällen tobte sich der inszenierte „Volkszorn“ in verschiedenen Regionen des Reiches aus, in beiden nahm Berlin aber als Reichshauptstadt eine besondere Rolle ein, die sich nicht zuletzt mit dem Namen des Berliner Polizeipräsidenten Graf Helldorff verband. An der Juniaktion von 1938 lässt sich exemplarisch die von Wolf Gruner betonte Interaktion antisemitischer Initiativen auf unterschiedlichen Ebenen des Systems nachvollziehen.[2] In seiner Einleitung unterscheidet Faludi zwischen den radauantisemitischen Bestrebungen Helldorffs und der Berliner Gauleitung auf der einen und der mittelfristig angelegten Judenpolitik des Sicherheitsdienstes der SS auf der anderen Seite. Während der SD darauf setzte, die jüdischen Deutschen mit allen verfügbaren Mitteln zur Emigration zu drängen, ging es Goebbels und Helldorff primär um eine Vertreibung der Berliner Juden. Da die Möglichkeiten zur Auswanderung eng begrenzt waren, hätte das aus der Perspektive der SS bedeutet, „das Judenproblem“ lediglich von der Reichshauptstadt in andere Regionen des Reiches zu verlagern. „[…] es war deshalb unzweckmässig“, so Alfred Six’ Mitarbeiter Herbert Hagen im Mai 1938, „die Frage der Regelung des Judenproblems in Berlin unabhängig von derjenigen des gesamten Reichsgebietes zu behandeln“ (S. 181).
Faludi akzentuiert besonders die Unterschiede zwischen Goebbels’ und Helldorffs auf Berlin fixierten Intentionen und dem Bestreben der SS, mit der massenhaften Verhaftung von Juden im Rahmen der Polizeiaktion „Arbeitsscheu Reich“ die gesamte jüdische Bevölkerung so einzuschüchtern, dass sie von sich aus die Emigration anstrebte. Trotz aller Kritik und Unstimmigkeiten kam aber auch das Judenreferat des SD im Juli 1938 zu dem Schluss, dass regionale Boykottmaßnahmen und die reichsweite Verhaftungsaktion der Gestapo zusammen den Auswanderungsdruck auf die jüdischen Deutschen massiv verstärkt hatten. Ganz deutlich wird an den von Faludi zusammengetragenen Dokumenten zum einen, wie energisch die SS während der Juniaktion 1938 darauf drängte, die gesamte Judenpolitik unter ihre Kontrolle zu bringen, zum anderen aber auch, wie weit sie zu diesem Zeitpunkt noch von ihrem Ziel entfernt war. Welche Handlungsspielräume regionale Akteure hatten, zeigt sich an der Razzia auf dem Kurfürstendamm am Abend des 31. Mai 1938. Obwohl die gesamte Polizei offiziell seit 1936 Himmler unterstand, preschte Helldorff in seiner Funktion als Berliner Polizeipräsident vor, indem er mehrere Hundert Juden verhaften ließ, von denen die Gestapo allerdings im Gegenzug bis auf sechs nach kurzer Zeit wieder alle frei ließ, um dann ihrerseits Verhaftungen im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ vorzubereiten.
Faludis Quellenedition trägt Dokumente unterschiedlicher Provenienz aus einer beeindruckenden Vielzahl von Archiven zusammen, neben nationalen und regionalen Archiven auch aus Yad Vashem und dem Sonderarchiv Moskau. Ergänzt werden diese Texte durch Zeitungsberichte und Auszüge aus Erinnerungsberichten. Mit diesen wird die Perspektive der in die Konzentrationslager verschleppten jüdischen Deutschen eingefangen, die erst erklärt, wie schockierend die Erfahrung, plötzlich aus allen gesellschaftlichen und zivilisatorischen Zusammenhängen ausgeschlossen zu sein, von ihnen empfunden wurde. Einzelne Dokumente wie die Helldorff-Denkschrift vom Mai 1938 sind bereits an anderer Stelle veröffentlicht, werden hier aber in einem Zusammenhang mit weiteren Dokumenten ediert, die auf gegenläufige Interessen und Konflikte hinweisen. Faludis Dokumentation bietet nicht nur ein multiperspektivisches und vielschichtiges Bild der Juniaktion von 1938, sondern vermittelt auch einen Einblick in die Funktionsmechanismen der NS-Diktatur.

Anmerkungen:
[1] Christoph Kreutzmüller / Hermann Simon / Elisabeth Weber, Ein Pogrom im Juni. Fotos antisemitischer Schmierereien in Berlin, 1938, Berlin 2013.
[2] Wolf Gruner, Judenverfolgung in Berlin 1933–1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt, 2. Aufl. Berlin 2009.
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