Rezension Manfred Komorowski

Die Universität Jena in der Weimarer Republik 1918 – 1933 : eine Quellenedition / bearb. von Tom Bräuer und Christian Faludi. Stuttgart : Steiner, 2013. – 432 S. : Ill. ; 24 cm. – (Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Jena ; 10). – ISBN 978-3-515-10608-5 : EUR 62.00

Vor gar nicht langer Zeit erschien eine Quellensammlung zur Geschichte der Salana im Dritten Reich.1 Sie erfährt nun eine rückwärtige Ergänzung durch die vorliegende Sammlung. Aus einem reichhaltigen Fundus von gedruckten wie ungedruckten Quellen haben die Herausgeber 253 Texte ausgewählt, deren Inhalt das vorangestellte Inhalts- und Dokumentenverzeichnis (S. 5 – 27) ausführlich darbietet.2 Die Einleitung skizziert die Intentionen und die Vorgehensweise der Herausgeber sehr einleuchtend. Die sieben Hauptkapitel sind noch einmal in Abschnitte unterteilt. Innerhalb dieser finden wir die Quellen in chronologischer Abfolge. Zunächst geht es um die schwierige, unruhige Nachkriegsphase, den Umbruch nach der deutschen Niederlage, dem Versailler „Schanddiktat“, der schwierigen wirtschaftlichen Situation mit seinen Auswirkungen auf die Hochschulen, deren Reformierung in Sinne einer republikanischen Bildungsreform. Auch die Jenaer Professoren und Studenten betätigten sehr intensiv politisch. Daneben galt es vordringlich, die ganz praktischen Probleme des universitären Lebens zu bewältigen, etwa die Schaffung von Zwischensemestern für Kriegsteilnehmer, die Lebensmittelversorgung der Studierenden, die Gewährung von Stipendien. Im Alltag die Universitäten spiegelte sich die allgemeine politische Situation Deutschlands.
Neben eher wenigen überzeugten Demokraten beeinflußten Monarchisten, Extremisten, Revanchisten und Antisemiten unter den Professoren wie unter den Studenten den universitären Alltag entscheidend. Mitglieder der örtlichen NSDAP-Hochschulgruppe waren in die Vorbereitungen des Hitler- Ludendorff-Putsches 1923 (Dokumente 57 – 67) involviert. Einige national gesinnte Studenten wurden beschuldigt, an der Beerdigung der Rathenaumörder teilgenommen zu haben (Dok. 50 – 52).3 Der sozialdemokratische Volksbildungsminister Max Greil (1877 – 1939) stieß auf große Widerstände bei der notwendigen Umgestaltung der Universität (Dok. 112 – 114), etwa in der Berufungspolitik generell oder bei der Etablierung neuer, „moderner“ Fächer wie der Soziologie (Dok. 115 – 117), der Pädagogik (Dok. 124 – 131) oder im Rahmen der Ausgliederung der Naturwissenschaften und der Mathematik aus der philosophischen Fakultät (Dok. 132 – 135). Die Universität sah ihre Autonomie stark bedroht.
Der besonders seit den 1880er Jahren an deutschen Universitäten starke Antisemitismus flackerte nach 1918 auch in Jena wieder mächtig auf. Der Fall des Zoologen Ludwig Plate (1862 – 1937, Dok. 94 – 111), eines militanten Antisemiten, aber auch notorischen Querulanten, der die Universitätsleitung mit seinen Eingaben und Denunziationen ständig in Atem hielt, schildert dies drastisch. Er scheute sich unter anderem nicht, seinen Kollegen, den Psychologen Wilhelm Peters (1880 – 1963) öffentlich zu diffamieren, als Juden zu brandmarken, weil dieser ursprünglich Pereles hieß. Wie „Der Fall Peters“ (Dok. 136 – 142) deutlich belegt, war schon dessen Berufung im Jahre 1923 sehr umstritten. Latenter, oftmals aber auch offener Antisemitismus zeigte sich deutlich, wenn es um die „Ausländerfrage“, gemeint waren vor allem russisch-jüdische Studenten, sowie die vermeintliche Überfüllung der Hochschule ging (Dok. 85 – 93, 199 – 201). Es ist an dieser Stelle unmöglich, alle Dokumente anzusprechen. Wichtige weitere Aspekte des universitären Lebens waren die Memorialkultur, das Andenken an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, manifestiert durch Gedenkfeiern, -tafeln und Denkmäler (Dok. 68 – 72). Hinzu kamen nationalistische, revisionistische Kundgebungen, während des „Ruhrkampfes“ besonders gegen Frankreich. Französische Studenten mußten um ihre Sicherheit fürchten (Dok. 73 – 79). Angesichts steigender Studentenzahlen erwies sich eine bauliche Erweiterung der Hochschule als dringend notwendig. Die geringen Mittel ließen allerdings keinen Raum für Prestigeobjekte. Zudem stritt man heftig über die Gestaltung einzelner Gebäude, etwa der Universitätsturnhalle, im Volksmund „Muskelkirche“ genannt (Dok. 165 – 195). Mit dem Eintritt der Nationalsozialisten in die Landesregierung 1930 und der Bestallung des späteren Reichsinnenministers Wilhelm Frick (1877 – 1946) zum thüringischen Innen- und Volksbildungsminister zeichnete sich das Ende einer demokratischen, republikanischen Hochschulpolitik bald. Frick blieb zwar nur ein gutes Jahr im Lande, leitete aber bereits eine „Zeitenwende“, Eine kleine Korrektur zu S. 117, Fußnote 92: Die beiden Mörder Rathenaus wurden am 17. Juli, nicht am 17. Juni von der Polizei gestellt und getötet. Die Beerdigung fand am 21. Juli, nicht am 21. Juni statt. Der Mord ereignete sich am 24. Juni 1922.
einen Übergang zu einer nationalsozialistischen Hochschulpolitik in die Wege. Wissenschaftlich höchst umstrittenen Günstlingen wie dem Rasseforscher Hans Friedrich Karl Günther (1891 – 1968), dem „Rassegünther“, dem Philosophen und deutsch-völkischen Agitator Arnold Ruge (1881 – 1945) oder dem Dichter und „Kulturantisemiten“ Adolf Bartels (1862 – 1945) verschaffte er Lehrstühle bzw. Lehraufträge. Fricks Nachfolger Fritz Wächtler (1891 – 1945), ebenfalls prominenter Nationalsozialist, setzte die eingeschlagene Politik nahtlos fort (Dok. 217 – 253).
Die gelungene Auswahl der Texte und Fotos schildert das Schicksal der relativ kleinen Universität Jena in der Weimarer Republik, einer politisch wie wirtschaftlich unruhigen Zeit, sehr plastisch. Die kundig kommentierte Edition ergänzt die große Jenaer Universitätsgeschichte seit 18504 vorzüglich. Ein Personenregister ermöglicht einen raschen Zugriff auf bedeutende wie relativ unbekannte Protagonisten. Besonders hilfreich ist die zusätzliche Markierung von Seiten, die eine Kurzbiographie der Zitierten enthalten. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Übersicht der Rektoren, Prorektoren und Dekane 1918-1933 (S. 419 – 421). Derartige Quelleneditionen stünden
auch anderen Universitäten gut zu Gesicht.
Manfred Komorowski