Rezension Kurt Schilde

Kurt Schilde: 80 Jahre NS-Machtübernahme. Veröffentlichungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in Berlin, in: Literaturkritik 4 (2014) [Auszug]

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Entsprechend dem Motto des auf „Berlin 1933 – 1938 – 1945“ fokussierten Berliner Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ gibt es außerdem Publikationen, in denen auf die Ereignisse des Jahres 1938 eingegangen wird. Im Vergleich zu den antijüdischen Pogromen im November 1938 hat dabei die reichsweite Verhaftung von Juden bereits im Juni 1938 bisher wenig Beachtung gefunden. Das sagte sich wohl auch Christian Faludi und stellte eine bemerkenswerte Quellenedition zusammen. Zur Ausgangslage der „Juni-Aktion“ gehört die „Tradition“ der Krawalle zwischen 1930 und 1935 auf dem Kurfürstendamm in Berlin ebenso wie die unmittelbar damit in Zusammenhang stehende „Aktion Arbeitsscheu Reich“, bei der im April 1938 1.782 Personen „von der Gestapo verhaftet oder aus Haftanstalten geholt und in das Konzentrationslager Buchenwald überführt“ wurden. Unter der Häftlingskategorie „Asoziale“ befanden sich 17 jüdische Häftlinge. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen – zu denen der „Anschluss“ Österreichs im März 1938 und die dort stattgefundenen Pogrome gehören – trat die Judenverfolgung in ein neues Stadium. In dessen Sog ist das „Berliner Antijudenprogramm“ entstanden: Dieser nach dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Graf Heinrich von Helldorff auch „Helldorff-Denkschrift“ benannte 62-seitige Überblicks- und Maßnahmenkatalog mit dem Titel „Denkschrift über die Behandlung der Juden in der Reichshauptstadt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens“ – der von Faludi dokumentiert wird – listet akribisch alle möglichen antijüdischen Maßnahmen auf: Es beginnt mit der Kennzeichnung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Geschäfte und geht über die Benutzung der Wochenmärkte bis zum Wegfall von Steuervergünstigungen. Parallel zu der „legalen“ Judenverfolgung ist der Radau-Antisemitismus forciert worden: Schaufensterscheiben wurden eingeworfen, Läden boykottiert und Polizeirazzien durchgeführt. Ergänzend erfolgte eine Ausweitung der „Aktion Arbeitscheu Reich“ auf die jüdische Bevölkerung durch reichsweite Verhaftungen: „Festnahmen fanden an Fürsorgestellen, Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen, Herbergen und ‚Zigeunerlagern‘ statt, wo schnell und vergleichsweise einfach eine große Anzahl von Personen ergriffen werden konnte.“ Zeitgleich mit den Massenverhaftungen fanden Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Berlin und anderen Städten des Reiches statt. Wohlgemerkt bereits im Juni 1938, was möglicherweise zur Radikalisierung der Pogrome im November 1938 beigetragen hat. Die Juni-Aktion erfuhr über die internationale Berichterstattung große Publizität: NS-Aktivisten kennzeichneten jüdische Geschäfte, Anwaltskanzleien sowie Arztpraxen. Ähnliche Aktionen hat es in Konstanz, Magdeburg, Karlsruhe, Kehl, Worms, Köln, Hanau, Frankfurt an der Oder, Breslau, Frankfurt am Main und in vielen weiteren Orten gegeben. Die gefangenen Juden wurden in die KZ Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau verschleppt. Nur zum Zwecke der Auswanderung konnte eine „Beurlaubung“ erfolgen. Das „Ziel ist, die Juden zur Auswanderung zu bringen“ – dies gilt auch für Helldorffs Richtlinien für die „Behandlung von Juden und Judenangelegenheiten“ in Berlin. Faludi rundet seine Dokumentation mit der Darstellung eines Einzelfalles ab. Mit seiner Darstellung und den abgedruckten 159 Dokumenten ist ihm eine umfassende und gut recherchierte Darstellung der „Juni-Aktion“ gelungen.
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