Rezension Joachim Neander

Joachim Neander: Rezension: Monika Gibas (Hg.): „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933-1945. (Quellen zur Geschichte Thüringens). Erfurt 2006, in: Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945 e.V., Buchbesprechung Nr. 65, Mai 2007

Mit „Arisierung in Thüringen“ stellt die Erfurter Landeszentrale für Politische Bildung die Ergebnisse der Arbeit eines quellenkundlichen Seminars an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Wintersemester 2005/2006 vor. Die rund 300 Dokumente, von 17 Studentinnen und Studenten vorwiegend aus den thüringischen Staatsarchiven zusammen getragen, durch Materialien aus lokalen Archiven ergänzt und durch Zeitungsberichte bildhaft angereichert, entwerfen ein bedrückendes Bild von der eskalierenden Entwürdigung, Entrechtung, wirtschaftlichen und schlussendlich physischen Vernichtung der Thüringer Bürgerinnen und Bürger jüdischer Abstammung in der Zeit des „Dritten Reiches“. Die Sammlung gliedert sich in drei Abschnitte: „Entrechtung“, „Enteignung“, und „Vertreibung und Vernichtung“, wobei der zweite Abschnitt mit den Kapiteln
„Raub von Privatvermögen“ und „Arisierung der Wirtschaft“ ziemlich genau die Hälfte des Dokumententeils ausmacht.
In ihrer Einleitung macht die Herausgeberin deutlich, dass „Arisierung“ weit mehr bedeutete als die bloße „Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft“ – so die NS-offizielle Sprachregelung für den Raub jüdischen Eigentums – in welchem Sinne der Begriff auch heute noch fast ausschließlich verwendet wird.
„Arisierung“ war ein gesellschaftspolitisches Programm, „die Grundlage der NS-Politik: […] Deutschland in eine ‚reinrassige Volksgemeinschaft‘ zu verwandeln“ (S. 20). Diesem Ziel dienten vielfältige und in schneller Folge sich steigernde Maßnahmen, die die als „Juden“ definierten Deutschen von der „arischen“ Mehrheitsbevölkerung trennten, die sie zum Verlassen des Landes zwingen sollten – selbstverständlich unter fast völliger Zurücklassung ihres Eigentums – und die schließlich diejenigen, die nicht auswandern konnten oder wollten, enteigneten, rechtlich diskriminierten und am Ende der Vernichtung preisgaben.
Im NS-„Mustergau“ Thüringen wurden antijüdische Maßnahmen schon Jahre vor der „Machtergreifung“ der Nazis im Reich eingeleitet. Der schriftstellernde Rasseideologe Artur Dinter, Verfasser dümmlich-antisemitischer Hetzromane, behauptete etwa, dass eine „arische“ Frau, die nur ein einziges Mal und folgenlos Sexualkontakt mit einem Juden gehabt habe, nur noch „Judenmischlinge“ gebären könne (Die Sünde wider das Blut, 1918, Auflage bis 1934 – 260 000 Exemplare). Als Landtagsabgeordneter forderte Dinter bereits 1924 die „bedingungslose Entfernung aller Juden aus Beamten- und Regierungsstellen“, eine Forderung, die die NSDAP-Fraktion gebetsmühlenhaft in fast jeder Landtagssitzung wiederholte (S. 23-24). 1929 gelang es der NSDAP, zwei von sieben Mitgliedern in der Landesregierung zu stellen. Sie nutzte dies, um den Philologen und Bestsellerautor (Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes, 1922 , Gesamtauflage bis Kriegsende fast eine Million) Hans F. K. Günther („Rasse-Günther“) 1930 auf einen eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für „Rassenfragen und Rassenkunde“ der Jenenser Universität zu hieven. Ministerpräsident und NSDAP-Gauleiter Fritz Sauckel berief sich in seiner Regierungserklärung vom 29. August 1932 „auf ‚Rasse‘ und ‚Volkstum‘ als ideologische Grundpfeiler seiner künftigen Regierungspolitik“ und forderte schon am 3. Dezember desselben Jahres seine Landsleute zum Boykott jüdischer Geschäfte auf (S. 24-26).
„Arisierung in Thüringen“ zeigt dass Thüringen, der „nationalsozialistische Mustergau“, auch in der Judenverfolgung eine Vorreiterrolle spielte. Als Beispiel sei hier noch die Zerstörung der Synagoge in Vacha durch „unbekannte Täter“ schon in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1938 erwähnt, einen Monat vor dem Pogrom der „Reichskristallnacht“ (S. 93-94). Die im vorliegenden Band versammelten Dokumente machen ferner die oft verdrängte Tatsache der massenhaften Beteiligung der „Volksgenossen“ an Hetze, Denunziation, Entwürdigung und Beraubung der als „Juden“ definierten Mitbürgerinnen und Mitbürger erschreckend deutlich.
Sie zeigen ferner, dass sich diese Vorgänge in aller Öffentlichkeit abspielten und die Beteiligten oft einander persönlich kannten, wie dies in der Regel in den Kleinstädten wie Saalfeld, Vacha oder Sonneberg der Fall war, zu denen hier viele Dokumente veröffentlicht sind. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch der faksimilierte Auszug aus dem Protokoll der Versteigerung des Hausrats des nach Theresienstadt deportierten Apoldaer Bürgers Bernhard Prager (S. 232). Es zeigt, dass mancher Nachbar keine Skrupel kannte, beim Erwerb der „Judenware“ sein Schnäppchen zu machen.
Für Leserinnen und Leser äußerst hilfreich ist das Abkürzungsverzeichnis am Ende des zweiten Halbbandes. Auch eine nicht zu umfangreiche, sich auf wichtige Titel beschränkende Bibliographie ist zu begrüßen und auch für diejenigen hilfreich, die sich mit dem Thema auch über den lokalen Rahmen „Thüringen“ hinaus beschäftigen möchten. Schade nur, dass wiederum – vermutlich aus Gründen des Datenund Personenschutzes – fast alle Täter und Profiteure, aber auch die meisten Opfer, namenlos bleiben. Gerade für Letztere wäre es ein Akt später Wiedergutmachung gewesen, sie über siebzig Jahre nach den Ereignissen, die sie aus der „Gattung Mensch“ ausschlossen, aus der Anonymität heraus zu holen und ihnen ihren Namen zurück zu geben.