Rezension Beate Meyer

Beate Meyer: Blick hinter die Kulissen: Faludi, Christian (Hrsg.): Die „Juni-Aktion“ ‚938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung, 420 S., Campus, Frankfurt a. M./New York 2013, in: Neue politische Literatur. Berichte aus Geschichte und Politikwissenschaft 59 (2014), S. 153f.

Im April und Juni 1938 wurden reichsweit 12.000 Männer als „Arbeitsscheue“ oder „Asoziale“ verhaftet. Im Juni befanden sich unter diesen auch circa 4.000 Juden. Gleichzeitig fanden in Berlin Angriffe auf jüdische Geschäfte und deren Inhaber statt. Beides zusammen reihte sich unter dem Begriff Juni-Aktion“ in die anderen gewaltsamen Aktionen des Jahres 1938 ein, die „Polen-Aktion“ und den Novemberpogrom. Dennoch blieb die allgemeine Kenntnis von der „Juni-Aktion“ vage.

Christian Faludi hat nun eine Dokumentation vorgelegt, die diese Forschungslücke geschlossen hat. Sie erhellt die Kompetenzstreitigkeiten im Hintergrund der Aktion, den Kontext, den Umfang und die Absichten der federführenden Institutionen. Die Massenverhaftungen im Frühjahr und Frühsommer des Jahres 1938 wurden zwar bereits in etlichen in den 1990er Jahren vorgelegten Studien wie etwa den verdienstvollen Arbeiten von Wolfgang Ayaß „.Asoziale‘ im Nationalsozialismus“ (1995) oder Patrick Wagner „Volksgemeinschaft ohne Verbrecher“ (1997) ausführlich behandelt, doch konzentrierten sich deren Verfasser auf die eigentliche Zielgruppe der Aktion, die Verfolgung der „Arbeitsscheuen“ beziehungsweise „Asozialen“. Die Einbeziehung von Juden blieb dagegen ein zwar stets genannter, inhaltlich aber nicht weiter ausgeführter oder diskutierter Aspekt. Wolf Gruners Studie „Der geschlossene Arbeitseinsatz deutscher Juden“ (1997) beschrieb die Vorgänge bereits ausführlicher, doch blieb das Zusammenspiel der NS-Instanzen wie die dynamisierende Rolle der Vorgänge in Österreich immer noch ausgeklammert.

Dies erfahren wir aus der 100seitigen Einleitung Christian Faludis. Er stellt dar, wie die Verfechter gegensätzlicher Strömungen der Judenpolitik – etwas holzschnittartig mit „Radauantisemitismus“ (Berlins NSDAP-Gauleiter Joseph Goebbels und sein Polizeipräsident Wolf-Heinrich Graf von Helldorff) und „sachlicher Antisemitismus“ (Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich) bezeichnet – hier unheilvoll zum Schaden der Betroffenen miteinander konkurrierten. Im Dezember 1937 war das Instrument der Schutzhaft nicht nur auf „Berufs- und Gewohnheitsverbrecher“, sondern auch auf Personen, die „asoziales Verhalten“ zeigten, ausgedehnt worden. Himmlers Polizeiapparat konnte nun vom individuellen Terror zu Massenverhaftungen übergehen. Eine erste, für März 1938 angesetzte „Aktion Arbeitsscheu-Reich“ – wegen der Annexion Österreichs auf den April verschoben – umfasste

1.782 Personen. Sie wurden ins KZ Buchenwald eingewiesen. Die Festnahme von Juden stand im .Altreich‘ noch nicht auf der Agenda. In Österreich hingegen, wo die Aktion ebenfalls durchgeführt werden sollte, waren die gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden beim „Anschluss“ kaum abgeflaut und somit das politische Klima günstig, die Liste der Gemeinschaftsfeinde durch die neue Kategorie „jüdische Rechtsbrecher“ zu erweitern. Insbesondere arbeitsfähige Juden sollten dabei erfasst werden, denn perspektivisch war Zwangsarbeit der Häftlinge beim Bau des Westwalls vorgesehen (wozu es nicht kam). Für das ,Altreich‘, so Faludi, strebte Himmler danach, der letzten Arbeitskraftreserven für seine Lager habhaft zu werden (S. 45).

Die Vorgänge in Österreich hatten jedoch auch Goebbels und von Helldorf animiert, im Mai 1938 neue (Gewalt)Aktionen gegen Juden in Berlin zu entfachen und unter anderem auch einige Verhaftungen vorzunehmen. Heydrich missfiel dieser Eingriff in einen Kompetenzbereich, den er für die Gestapa beanspruchte. Er wies die Reichskriminalleitstellen an, nun mindestens 3.000 Personen inklusive Juden zu verhaften, die zu einer Gefängnisstrafe von mindestens einem Monat verurteilt worden waren. Während Goebbels vor allem an öffentlichkeitswirksamen antisemitischen Aktionen lag, um die Juden aus „seinem“ Gau Berlin zu vertreiben und zur Auswanderung zu zwingen, strebte Heydrich neben der Erhöhung des Auswanderungsdrucks auch eine Disziplinierung der „Volksgenossen“ und gleichzeitig die Zwangsrekrutierung dringend benötigter Arbeitskräfte für die SS an. Die Verhaftungen erfolgten reichsweit nach gleichem Muster, übertrafen vielerorts die vorgegebenen Zahlen und überstiegen die Aufnahmekapazität Buchenwalds. Reichsweite Massenverhaftungen und Krawalle in Berlin ergänzten sich für die Betroffenen auf fatale Weise und ließen sie Böses für die Zukunft ahnen, zumal Aktionen wie diese die Möglichkeiten blockierten, das Land zu verlassen.

Christian Faludis ausführlicher Einleitung folgen etwa 300 Seiten Dokumente. Nicht alle bisher unbekannt, einige wenig aussagekräftig und es hätten auch mehr Schriftstücke aus der Sicht betroffener Juden und jüdischer Funktionäre dabei sein können, aber dennoch: In dieser Form versammelt, bieten sie einen guten Eindruck des Gesamtgeschehens. An den Schluss stellt er Dokumente zu Walter Neublum, einem jüdischen Verhafteten der „Aso-Aktion“, der als Vorbestrafter kein Visum eines Einreiselandes erhielt und als KZ-Häftling noch weniger Chancen darauf hatte. Um ihn dennoch zu vertreiben, schlug der örtliche Bürgermeister schließlich vor, ihm doch ein polizeiliches Führungszeugnis ohne Vorstrafen auszustellen, was die Behörde des Reichsführer SS akzeptierte. Walter Neublum, dessen Schicksal Faludi nicht weiter nachgegangen ist, begriff die Vorgänge als dringende Warnung: Während eines Hafturlaubs, in dem er die Ausreise vorbereiten sollte, floh er mit Frau und Kindern über die Grenze nach Belgien, wo er und die Kinder im Versteck überlebten, während seine Ehefrau, nicht vorbestraft und nie zuvor verhaftet, deportiert und in Auschwitz ermordet wurde.

Beate Meyer