„Arisierung“ in Thüringen

Ich kam als wohlhabender Mensch nach Erfurt und ging als ausgeplünderter Jude davon, in: Thüringer Allgemeine v. 8.11.2008

Die wenigsten, die sich bereits in den 30er Jahren am Eigentum vertriebener Juden bereicherten, werden sie gehabt haben, vermutet Historikerin Ramona BRÄU. Wenn sich eine ganze Gesellschaft so über Diffamierung und Ausgrenzung sogenannter Minderheiten definiert wie das faschistische Dritte Reich und diese permanent herhalten müssen als Sündenböcke für alles, werden irgendwann Scham und Zweifel ausgeblendet, erklärt die junge Frau. Waren Juden, die es immerhin geschafft hätten, das Land noch rechtzeitig zu verlassen, erst einmal aus ihren Wohnungen gedrängt, wurden Inventar und Mobiliar meist ganz offiziell annonciert und versteigert. Dann konnten auch eben noch freundliche Nachbarn hingehen und die Lampe oder das Buffet, auf das sie vielleicht schon lange neidisch waren, weit unter Wert bekommen. Nicht einmal vor gebrauchter Unterwäsche habe die Gier haltgemacht.
Die gerade im Thüringer Landtag eröffnete Ausstellung Arisierung in Thüringen ( Ausgegrenzt. Ausgeplündert. Ausgelöscht. dokumentiert viele Beispiele für diese Art von legalisiertem Raub jüdischen Eigentums. Den Anstoß für die denkwürdigen Text- und Bildtafeln gab vor drei Jahren die Jenaer Geschichtsdozentin Dr. Monika GIBAS in einem Seminar am Historischen Institut der Uni Jena, an dem sich auch Ramona Bräu, damals noch als Geschichtsstudentin beteiligte. Die aufwendigen Archivrecherchen, erstmals veröffentlicht in der Reihe Quellen zur Geschichte Thüringens (Bd. 27) der Landeszentrale für politische Bildung, und die nun für die Ausstellung ermittelten Originalquellen und Fotos zeichnen ein bedrückendes Bild schleichender Entrechtung und Bedrohung bis zur völligen Vernichtung.
Im NS-Mustergau Thüringen hatten eifrige Rasseideologen dabei bereits lange vor der Etablierung des Dritten Reiches eine unheilvolle Vorreiterrolle gespielt und unverhohlen Menschen jüdischen Glaubens als schädigend und minderwertig stigmatisiert. Mit dem sogenannten Arierparagraf vom Frühjahr 1933 und der Gründung des deutschlandweit ersten Landesamtes für Rassewesen im Juli des gleichen Jahres in Weimar seien Terror und aggressiver Antisemitismus schon früh scheinlegalisiert worden, so Monika Gibas.
Von Beginn an ging das großspurige Gerede der Rassenantisemiten von deutschem Blut und deutscher Ehre einher mit schnöder Bereicherung an jüdischen Geschäften, Betrieben und Vermögen. An Enteignungs-Beispielen wie der Suhler Firma Simson & Co., der Eisenacher Familie Kirchheimer oder dem Erfurter Kaufhaus Römischer Kaiser belegt die Ausstellung, wie unterschiedliche Dienststellen von den Finanzbehörden über die Zollfahndung bis hin zu Pass- und Devisenstellen bei der Arisierung zusammenwirkten und gemeinsam mit Gestapo und anderen NS-Organisationen jüdische Bürger unter Druck setzten, bedrohten oder sich quasi ganz legal ihrer Sparbücher, Devisen und Wertpapiere bemächtigen. Das war wie ein giftiges Spinnennetz, das die Betroffenen lähmte und auslieferte, so Ramona Bräu. Das Thüringer Finanzministerium war übrigens zu keiner finanziellen Unterstützung der Ausstellung bereit, Geld gab es nur von der Sparkassenkulturstiftung.
Als vor 70 Jahren dann auch in Thüringen die Synagogen brannten ( in Vacha sogar schon einen Monat vor der November-Pogromnacht ( war die Entrechtung der Juden längst weit fortgeschritten. Rund 650 arisierte Familienbetriebe haben die Ausstellungsmacher gezählt, ein bis heute nicht abgeschlossenes Kapitel. Allein im maßgeblich an den Recherchen beteiligten Hauptstaatsarchiv Weimar gehen nach Auskunft von Archivdirektor Dr. Bernhard POST noch immer wöchentlich bis zu zehn entsprechende An- und Nachfragen des Landesamtes zur Regelung offener Vermögensfragen ein.
Auf Vertreibung und Enteignung folgten ab 1941 die sogenannte Endlösung der Judenfrage und damit Deportation und Massenvernichtung. Bis heute, so Monika Gibas, sei die genaue Zahl der im Holocaust ermordeten Thüringer Juden nicht bekannt.