„Arisierung“ in Thüringen

Eike Kellermann: Wie Thüringen mit seiner Beutekunst umgeht: Monika Gibas: „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens 1933 – 1945, in: Leipziger-Volkszeitung v. 03.03.2007

Der „liebe Parteigenosse Sauckel“ bekam die Beute vom Massenmörder persönlich zugestellt. Im Juli 1941 schrieb Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und Organisator der Judenvernichtung, an den Thüringer Gauleiter: „Anliegend übersende ich Ihnen einen eigenhändigen Brief Goethes an Frau von Wolzogen vom 2. April 1827, einen Brief des stellungsuchenden Schauspielers Spangler an Goethe und die eigenhändig unterzeichnete Antwort Goethes vom 19. März 1800.“ Für die Klassikerstadt Weimar, wohin die Post ging, ein weiterer Baustein im Erbe des Dichters.
Allerdings scherten sich die Nazi-Bonzen damals nicht mehr um Eigentumsfragen, wenn es um jüdischen Besitz ging. Heydrich teilte Sauckel unverblümt mit, woher die Goethe-Dokumente stammten: „Die Briefe wurden 1939 von der Geheimen Staatspolizei bei der Wiener Jüdin Josefine L. beschlagnahmt und sichergestellt.“ Eine Verdrehung der Wahrheit. Briefe, Vermögen, Schmuck, Häuser, Titel, Ehre, Gesundheit und das Leben wurden Juden von Nazis schlicht geraubt.
Sauckel sollte Goethes Korrespondenz für das Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv in Empfang nehmen. Dort befindet sie sich bis heute. Öffentlich bekannt wurde ihre Herkunft durch Jenaer Studenten, die jüngst zwei Bände mit Dokumenten über die „Arisierung“ in Thüringen zusammenstellten. Authentisch und beklemmend wird aus Behördenakten und Zeitungen deutlich, wie Juden systematisch entrechtet wurden. „Das Räderwerk funktionierte, weil viele überall mitmachten“, sagt die Historikerin Monika Gibas, Herausgeberin der Bände. Nicht einmal Spuren von Widerstand habe man bei den Behörden gefunden. Dagegen aber „gut funktionierende Deutsche“. Für Frau Gibas war dies das Erschreckende: „Das sagt mir, dass es wieder passieren kann.“
Jenseits der generellen Verantwortung, das düsterste Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, gibt es auch praktische Fragen. Wie gehen Museen und Archive heute mit den einst geraubten Dingen um? Muss die Beute nicht an die Besitzer und ihre Erben zurückgegeben werden? Wie aber findet man sie? Fragen, die sich in Thüringen stellen, auch wenn das Land, wie Kultusministeriums-Sprecher Detlef Baer sagt, vergleichsweise gering betroffen sei. Nach dem Washingtoner Abkommen von 1998 werde auch von den Thüringer Museen und Archiven nach Gegenständen aus jüdischem Besitz gefahndet und die Erben gesucht.
So etwa durch die berühmte Klassik-Stiftung in Weimar, zu der das Goethe- und Schiller-Archiv gehört. Schon in den 90er Jahren, sagt Justiziar Thomas Leßmann, seien die geraubten Briefe bekannt geworden. Der Fund wurde der zuständigen Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg mitgeteilt. „Allerdings hat sich bislang niemand gemeldet und Anspruch erhoben“, sagt Leßmann. Ähnlich verhält es sich beim zweiten Fall, einem kleinen Bestand an Gläsern, die im Schloss Belvedere ausgestellt werden. Er wurde von der Stiftung 1994 an die Jewish Claims Conference gemeldet. Die Gegenstände sind weiter im Bestand der Klassik-Stiftung, aber ohne Hinweis auf die brisante Herkunft. Justiziar Leßmann hält es für wünschenswert, die Besucher des Museums künftig auf den historischen Hintergrund aufmerksam zu machen.
Beim bislang bekanntesten Fall der Stiftung soll das jedoch nicht geschehen. Es handelt sich um den so genannten Luther-Teppich, einem großen Gobelin von Seger Bombeck aus der Zeit um 1555, der allegorisch die Reformationsgeschichte entfaltet und von großem Wert für Mitteldeutschland als der wichtigsten Landschaft der Reformation ist. Deshalb wurde das Stück 1935 bei einer „Judenauktion“ erworben. Was wie freiwilliger Verkauf aussah, kam unter Druck und Repression zustande. Während Juden in den ersten Jahren der Nazi-Diktatur Werte zumindest noch veräußern konnten, wurden sie später „beschlagnahmt und sichergestellt“. Auf den Teppich meldete vor Jahren eine Erbengemeinschaft Besitzansprüche an. Nach Verhandlungen leistete die Klassik-Stiftung eine Entschädigung von rund 170 000 Euro, um das wertvolle Stück in Thüringen zu behalten. Die letzte Rate wurde im April 2006 überwiesen. Einen Hinweis auf die Herkunft des Teppichs sollen Besucher nicht erhalten. „Das ist nicht vorgesehen, weil ja eine Entschädigung geleistet wurde“, sagt Leßmann.
Der jüngste Fall des Juristen ist der umfangreichste. Es geht um eine Sammlung von rund 2000 Büchern in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, die unter Umständen als NS-Raubgut eingestuft wird. Die Bibliothek ist laut Leßmann der einzige Bereich der Stiftung, in dem die bisherigen Recherchen zur Herkunft der Sammlungen noch nicht abgeschlossen sind. Deshalb vermutet er, dass noch weitere verdächtige Dinge gefunden werden könnten. Während der NS-Zeit seien vielfach enteignete Bestände gerade den Bibliotheken zugewiesen worden. Schon in Kürze werde es wegen der Bücher das erste Treffen mit einer Erbengemeinschaft geben. Zuvor will sich die Stiftung mit näheren Angaben zurückhalten. Eines ist klar: Je älter die Werke sind, desto höher dürfte ihr Wert und damit mögliche Entschädigungen sein.