„Arisierung“ in Thüringen

Sabine Bujack-Biedermann: Quellen, die für sich sprechen. Dokumentation zur Entrechtung und Vernichtung der Thüringer Juden 1933-1945 erschienen, Ostthüringer Zeitung v. 6.12.2006

Saalfeld. Im Interesse der Reinerhaltung des deutschen Blutes kann die Genehmigung der Eheschließung nicht befürwortet werden. Die Ablehnung wird begründet durch die beim Antragsteller zweifellos vorhandenen jüdischen Rassemerkmale. Damit entscheidet ein Regierungsrat des Landesamtes für Rassewesen 1937 das Schicksal zweier junger Saalfelder, die sich herzlichst zugetan sind und in Verzweiflung sitzen, wie der Antragsteller in einem Bittschreiben um Revision dieser Entscheidung fleht. Erfolglos.
Nachzulesen ist das in der Reihe Quellen zur Geschichte Thüringens, die von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen publiziert wird. Unter dem Titel ,Arisierung‘ in Thüringen trugen 17Studentinnen und Studenten der Friedrich-Schiller-Universität Jena Schriftverkehr, Aktenauszüge, Anweisungen, Zeitungsmeldungen und anderes Material aus Staatsarchiven in Weimar und Erfurt sowie aus Stadtarchiven in Saalfeld, Rudolstadt und andernorts zusammen, die die rasant fortschreitende Entrechtung der Juden seit 1933 im Dritten Reich belegen. Sie benötigten lediglich ein Semester, um über 400 Seiten in zwei Bänden zu füllen, wobei längst nicht alles veröffentlicht wurde.
Was wir gefunden haben zeigt, dass die Behauptung, man habe nichts gewusst, nicht stimmt, sagt einer der Autoren, Thomas Wenzel, anlässlich der Vorstellung der Publikation in der Vorwoche im Stadtmuseum. Oft wurde die Ideologie als Vorwand zur eigenen Bereicherung genutzt, ergänzt Kommilitonin Henriette Rosenkranz.
Außerdem verweisen die Autoren auf die Gefahr der unreflektierten Übernahme der Sprache der Nationalsozialisten. Deshalb verwende die Publikation den Begriff Arisierung, der meist auf die wirtschaftliche Enteignung verengt werde, durch Anführungsstriche gekennzeichnet und inhaltlich weiter gefasst, erklärt die Herausgeberin und Seminarleiterin, Monika Gibas. Namen erscheinen abgekürzt, denn die Sammlung wolle den Prozess zeigen, nicht die Einzelfälle: Die Quellen sollen selbst sprechen, das geht sehr nah.
So ist in sieben inhaltlich geordneten Kapiteln dokumentiert, wie Menschen, die eben noch Nachbarn waren, nunmehr entlassen oder boykottiert werden, wie ihnen der Besuch von Bädern und das Radiohören verboten wird, wie ihnen Schmuck, Einrichtung, Wohnung geraubt werden, wie ihre Firmen arisiert werden, wie sie denunziert werden, wie sie selbst für ihre Deportation in die Vernichtungslager noch selbst zahlen müssen.Dieser Prozess war, laut Wenzel, überall zu spüren, und das ist heute noch aktuell.
Sehr wenige bringen so viel Courage auf, wie der Saalfelder Unternehmer Renke, der 1944 um Entlassung seines Arbeiters M. Israel F. aus dem Polizeigewahrsam nachsucht. Die Geheime Staatspolizei äußerte nur Missfallen, dass Arbeitszeit, Arbeitskraft und Material (4 Blatt!) verwendet werden, um sich für einen Juden einzusetzen. Entlassen wurde F. nicht.